ALESSANDRO CHIODO
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AUS "EUROPOLIS"

Beitrag von Tatjana Martynowa

Ich komme aus Odessa, einer ukrainischen Stadt mit italienischem Flair, französischem Charme, deutscher Gemütlichkeit und spanischer Leidenschaft. Wie jeder weiß, liegt die Ukraine in Europa. Jeder, der nach Odessa kommt, sagt, Odessa sehe sehr europäisch aus. Aber die Odessiten selbst sagen immer: „Wir fahren in den Urlaub nach Europa… Ich möchte, dass mein Kind in Europa studiert... Arbeiten ist besser in Europa, weil man dort besser bezahlt wird…“ Wenn Ausländer das hören, fragen sie verblüfft: „Was meinen Sie denn mit Europa?!“ Und erst nach einer Erklärung wird klar, dass mit Europa bei uns die Europäische Union gemeint wird. Ja, das, was in den letzten Jahren so sehr umstritten war, von einigen sogar verpönt und als nicht mehr nötig befunden, ist für viele Ukrainer gleich einem Paradies, wo jeder seinem Traum und seinem Ziel näher kommt, wo alles möglich ist. Und wisst Ihr warum? Weil Europa Freiheit und gleiche Chancen für alle bedeutet!

Noch im 17. Jahrhundert war der russische Zar Peter der Erste (oder: der Große) so sehr von europäischen Ländern fasziniert, ihren Erfindungen und Fortschritt, ihrer reichen Kultur und vielfältiger Architektur, dass er, nachdem er von seinen Reisen zurück nach Russland kehrte, beschloss, das „Fenster nach Europa“ zu öffnen, also das große Russische Reich in Richtung Westen, Europa, umzubauen. Er begriff schon damals, dass das europäische Potenzial unbegrenzt ist, dass man sich ein Beispiel an den hoch entwickelten europäischen Ländern nehmen sollte und dass man nur zusammen und voneinander lernend den Wohlstand und das hohe Lebensniveau erreichen könne.

Für mich selbst, die in der sowjetischen Ukraine ihre Kindheit hinter dem Eisernen Vorhang verbrachte, der sich glücklicherweise schon zu öffnen begann, hatte Europa immer etwas von einer verbotenen Frucht. Eigentlich unerreichbar, aber so verlockend. Informationen hatten wir nur wenige, denn nur Auserwählte und Überprüfte durften in den Westen, und seien es auch nur die Länder des Ostblocks. Aber das, was sie erzählten, genau wie in den seltenen Fernseh-Reportagen zu Weihnachten oder anderen besonderen Anlässen, weckten die Neugier und gebaren die Hoffnungen.

Seit meinem siebten Lebensjahr lernte ich fleißig Deutsch und mein größter Traum war, einmal in dieses ferne, aber auch dank vieler Lehrwerke und Bücher bekannte Land zu reisen. Der erste Besuch noch im sozialistischen Deutschland hat mir die Augen geöffnet. Das war das erste Mal, dass ich eine ganz andere Welt kennen lernen durfte, eine faszinierende und gefühlt sogar schon eine freie Welt. Wenn man aus der Sowjetunion kam, erschien einem sogar die DDR als bunt.

Einmal europäische Luft eingeatmet, konnte ich nicht mehr aufhören zu reisen und europäische Länder zu entdecken. Egal, was es mich kostete, denn für jede Reise musste ich ein Visum beantragen, was nicht nur teuer war und viel Zeit in Anspruch nahm, sondern auch jedes Mal das Gefühl vermittelte, Bürger der Dritten Welt zu sein. Jahre vergingen, die Zahl der europäischen Länder, die ich besuchte, wuchs, denn jedes Mal, wenn ich nach Deutschland zu Studien- oder auch Arbeitszwecken kam, konnte ich zudem ein neues Land kennen lernen, denn innerhalb der EU durfte ich mich frei bewegen. Grenzen gab es keine mehr. Unbeschreiblich ist das Gefühl, wenn du ohne Kontrollen und Visa reisen darfst!

Die Idee der Europäischen Union finde ich genial. Alle zusammen, aber jeder behält seine Identität. Diese Vielfalt an Sprachen, Kulturen, Mentalitäten! Unbegrenzte Möglichkeiten und Reisefreiheit. Jeder kann sagen: „Ich bin ein Europäer“, aber trotzdem bleibt er auch ein Deutscher, Italiener, Grieche oder Portugiese…

Wenn ich meinen Urlaub plane - Gott sei Dank dürfen seit 2018 auch Ukrainer visafrei in die EU reisen - überlege ich mir, wonach mir gerade ist, wohin mich meine Sehnsüchte ziehen und was ich erleben möchte. Diese Faktoren bestimmen die Wahl des jeweiligen Urlaubslandes. Manchmal geht es auch darum, was wohl am günstigsten zu erreichen wäre, weil für die meisten Ukrainer Reisen ins europäische Ausland immer noch ein großer Luxus sind.

Letztes Jahr fiel meine Wahl auf Italien, weil es für mich das Land ist, das alle Sinne weckt!

Das Land von lebensfrohen Menschen, köstlichem Essen, wunderbarer Natur, emotionaler Musik, atemberaubender Architektur und beeindruckender Geschichte. Man könnte eigentlich sagen, dass europäische Geschichte ohne italienische nicht vorstellbar ist. Jedes Mal, wenn ich in Italien bin, bin ich entzückt von den architektonischen Wundern, von den jahrhundertealten Sehenswürdigkeiten, die beweisen, dass Menschen fähig sind, so geniale Kunstwerke zu schaffen, wie sonst nur die Natur sie schaffen kann! Denn wie sonst kann man es erklären, dass so eine unbeschreibliche Harmonie zwischen der italienischen Natur und den italienischen Bauwerken herrscht?

Aber am meisten beeindrucken mich die Leute. Herzliche, aufgeschlossene, lächelnde Menschen, die dir Komplimente machen, hilfsbereit den Weg zeigen, beim Koffertragen helfen oder begeistert Empfehlungen für eine Mahlzeit geben. Mit Italienern kommt man immer ins Gespräch, auch ohne Italienisch zu können. Aber einmal Italienisch gehört, verliebst du dich in diese melodische Sprache und lernst schnell erste Wörter, singst bei italienischen Hits mit und sagst dann auch noch zu Hause zu allen mit einem breiten Lächeln „Ciao“!

Und wisst Ihr, was das Schöne an der ganzen Geschichte ist? So wie mit Italien geht es mir auch mit anderen Ländern von Europa. Ich finde jedes Land faszinierend und in jedem finde ich das, was eben dieses Land ausmacht. Gleichzeitig stelle ich aber immer wieder die Gemeinsamkeiten fest. Wir alle wollen Frieden, wir alle wollen glücklich sein, wir alle wollen frei sein und selbst über unser Leben entscheiden. Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit, Gerechtigkeit waren schon immer Werte, die für alle Europäer von entscheidender Bedeutung waren und für die man gekämpft hat. In allen europäischen Ländern. Aber etwas erreicht hat man nur dann, wenn man zusammen Seite an Seite gekämpft hat, wenn man sich zusammen Ziele setzte und zusammen sie erreichte. Denn nur gemeinsam sind wir stark! Und nur gemeinsam können wir unsere Träume von einem friedlichen, erfolgreichen, wohlhabenden und glücklichen Europa verwirklichen.

Mein Traum? Dass ich mich eines Tages auch als Ukrainerin als richtige  Europäerin fühlen darf… 

 

 

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