ALESSANDRO CHIODO
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AUS "EUROPOLIS"

Beitrag von Alexandra Teixeira Romano

Ich heiße Maria Alexandra de Magalhaes Teixeira in Romano, daran kann man schon erkennen, dass hinter meinen Namen ein Europa steckt! Geboren bin ich am 23. April 1971 in Braga in Portugal. 1971, gegen Ende der Diktatur von António de Oliveira Salazar. Harte Zeiten für das Land, die Wirtschaft lag am Boden. Zu den hohen Kosten des Kolonialkrieges kam noch die allgemeine Krise der Weltwirtschaft infolge des ersten Ölschocks. Die Situation Portugals gegen Ende des selbsterklärten „Estado Novo“ war mehr als kritisch: Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen betrug 1960 gerade einmal 160 US-Dollar - verglichen mit beispielsweise 219 Dollar in der Türkei oder 1453 in den USA. Die Reichen waren wirklich reich, Säuglinge starben häufiger als in jedem anderen Land Europas (ich habe es überlebt!), ein Drittel der Bevölkerung war Analphabeten. Vor allem aber war der Hunger groß.

Zahlreiche junge Portugiesen - wie auch mein Vater und meine Mutter - sind zu dieser Zeit als Gastarbeiter nach Frankreich, Spanien oder Westdeutschland ausgewandert. Mein Vater war damals 22 Jahre jung und arbeitete als Drucker bei einer kleinen Zeitung, zählte also nicht zu den Analphabeten. Eines Tages las er in einer Annonce, dass der große deutsche Bayer-Konzern Gastarbeiter in Leverkusen suchte. Dank dieser kleinen Anzeige begann nicht nur für meine Eltern, sondern auch für meinen zwei Jahre älteren Bruder und mich… unsere europäische Reise!

Als meine Eltern Portugal verließen, war ich zwei Monate alt, mein Bruder knapp 2. Zunächst blieben wir noch bei den Großeltern, den Eltern von „pai“. Meine Eltern haben die Hälfte des ersten Gehalts, damals circa einhundert deutsche Mark, für unseren Unterhalt nach Portugal geschickt. Meine Großeltern waren so arm, dass sie bei „so viel Geld“ vergaßen, dass dieses Geld eigentlich für unsere Lebensmittel, Kleidung und auch die Ausbildung bestimmt war. Sie gaben ALLES aus, was aus Deutschland kam, meine Oma verkaufte sogar die deutsche Schokolade und die ersten Gummibärchen, die ins Dorf kamen, auf dem Schwarzmarkt. „Haribo macht Kinder froh, und Erwachsene ebenso“ – auf Oma und Opa traf vor allem der zweite Satz zu.

Als meine Eltern irgendwann dahinter kamen, war meine Oma bereits sehr krank, sie starb schon im Alter von nur 48 Jahren - so alt bin ich heute – an Lungenkrebs. Oder einer anderen Lungenkrankheit, wer weiß es schon? Sie konnten sich keinen Arzt leisten. Sie war einfach tot, meine liebe Omi Maria José. Ich habe sie trotz allem sehr geliebt, das sagt mir heute mein Herz. So kam ich aufs Nonneninternat, viele Jahre lang – bis ich am 25. Oktober 1980, ich erinnere das Datum noch ganz genau, im Alter von neun Jahren gemeinsam mit meinem Bruder Amadeu Portugal verließ. Ohne Gepäck, wir hatten nur, was wir am Leibe trugen. Dazu ein Visum und eine Art Ausweis um den Hals, UM, „unaccompanied minors“, unbegleitete Kinder. So stiegen wir in Lissabon, immerhin 360 Kilometer von Braga entfernt, in eine Lufthansamaschine. Eine sehr nette Hostess der Lufthansa nahm uns bei der Hand, und nach einem traumhaften Flug, voller liebevoller Zuwendung der fremden Hostess, landeten wir in Frankfurt. „Isto è a grande Alemanha…“, ging es mir durch Herz und Kopf. „Das ist also das große Deutschland!“ Dabei war es nur ein Gate, an einem großen Flughafen, Anfang der 80-er Jahre. Aber für mich war es der schönste Ort der Welt!

In Deutschland, vor allem in Nordrhein-Westfalen, spürte man förmlich das Wachstum… und es wird das Land, in dem mein Bruder und ich eine Chance bekommen! Wir werden beide in die erste Klasse eingeschult. Wie gesagt, ich war neun, mein Bruder schon elf Jahre alt. Meine ersten deutschen Wörter waren „das Auto“ und „der Hauptbahnhof“. Eine wichtige „Hausaufgabe“: das „H“ richtig auszusprechen lernen.

Nach ein paar Monaten nur wechselten wir schon in die dritte Klasse, bald darauf in eine Hauptschule. Wir sind wortwörtlich mit Deutschland mitgewachsen.

Das Jahr 1989 hat für mich eine große Bedeutung: FREIHEIT. Nicht nur, weil ich am 9. November in Berlin den Mauerfall selbst miterlebt habe. Was für eine Emotion! Die historische Tragweite war mir damals noch gar nicht bewusst. Nach einem sehr guten Realschulabschluss bekam ich eine Lehrstelle als Reiseverkehrskauffrau, die ich nach drei Jahren mit großem Erfolg abgeschlossen habe. Und so begann mein Lebenstraum: Reisen, Reisen und nochmals Reisen. Frei in Europa!

Mein Beruf führt mich am 21. April 1995 auf die Insel Ischia. Dort lerne ich meinen späteren Mann Giuseppe Romano kennen, und nur ein Jahr später…. heiraten wir. Zunächst arbeitete ich im Reisebüro unserer Familie in Ischia-Porto, später dann – und das bis heute – in unserem familiengeführten Hotel „Paradiso Terme Resort & Spa“. Eine tolle Arbeit mit vielen neuen Erfahrungen, Begegnungen… Erkenntnissen. Internationale Gäste aus ganz Europa - und das macht richtig Spaß! Sprachkenntnisse sind hier von besonderer Bedeutung, ich spreche neben Portugiesisch auch Deutsch, Italienisch und Englisch. Bald wurde mir klar, welchen Vorteil es in Europa bringt, so viele Sprachen zu sprechen. Sprachen überwinden die letzten Grenzen und Hürden in Europa!

Viele Bilder der neuen Serie EUROPOLIS von Alessandro Chiodo sprechen mir aus dem Herzen. Sie erzählen von Herausforderungen, aber auch Frieden, Freiheit und Kultur. Europa ist auch heute noch ein Mythos von Schönheit und Edelmut. Ein Mythos, der sich, wenn wir nur lange und fest genug daran glauben und aktiv dafür eintreten, eine Wirklichkeit ist. Bleiben könnte. Bleiben sollte. 

 

 

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