ALESSANDRO CHIODO
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AUS "EUROPOLIS"

Beitrag von Teo Alexander Fabian

Wir alle sind Individuen in einer großen Welt. Die Gesellschaft beeinflusst das Leben eines jedes Menschen, indem sie in überaus vielfältigen Formen auftauchen kann. Der grundlegende Wert, der die Gesellschaftsform für jeden ausmacht, ist die Einheit der zu ihr gehörenden Menschen. Europa ist eine Einheit in widersprüchlicher, widerstreitender Vielfalt.

Als mein Land der EU beitrat, war ich gerade neun Jahre alt. Doch von Europa hatte ich schon früher eine Idee. Mein Großvater war Teil der deutschen Minderheit in Rumänien. Er wurde in einem kleinen Dorf in Siebenbürgen geboren. Schon als Kind war er mehrsprachig. Seine Muttersprachen waren Deutsch und Sächsisch, die rumänische Sprache hat er später in der Schule gelernt. Mein Opa vertrat die Meinung, dass alle Menschen gleich seien und dass eine gesellschaftliche Identität nur mit Hilfe ihrer Einheit zu schaffen sei.

Diese europäische Werte hat er mir während seines ganzen Lebens vermittelt, geradezu in mir kultiviert. Meine Bildung war von mehreren Faktoren geprägt. Die Grundlagen der deutschen Sprache lernte ich schon früh mit meinem Opa. Kindergarten und Schule sind zwei weitere wichtige Akteure in meinem europäischen Entwicklungsprozess gewesen. Unter dem Dach dieser zwei Institutionen habe ich nicht nur meine sprachlichen Fähigkeiten entwickelt, sondern auch meine gesellschaftlichen Kompetenzen. Die ersten Kontakte, die ersten Freundschaften, die ich als Kind geschlossen hatte, sie entwickelten sich in einem internationalen Rahmen …in einem deutschen Kindergarten in Bukarest, der Hauptstadt von Rumänien.

Wie im Leben jedes Kindes war für auch für mich die Sommerzeit die schönste Zeit des Jahres. Ich verbrachte den größten Teil meiner Ferien in Dunersdorf, dem Heimatort meines Opas, in Transsilvanien. Dunersdorf war für mich nicht nur ein magischer Ort, in dem ich einige der schönsten Erlebnisse gesammelt habe, sondern auch ein lebendiges Beispiel der europäischen Einheit. Warum? Dunersdorf, rumänisch Daneș, ist eine Siedlung der Siebenbürger Sachsen mit einer für die Region so prächtigen Kirchenburg; ein Ort, in dem Deutsche jahrhundertelang gelebt haben. Die Bedeutung, die das Dorf für mich hat, ist tief in meinem Wesen verankert: die Menschen, die Erlebnisse, die plurale Gesellschaft dort. Die lebendige Gemeinschaft von Rumänen, Deutschen und Ungarn war der Beweis, dass Menschen verschiedener Kulturen und Sprachen friedlich zusammen leben können. Nach der Wende von 1989 kamen auch Roma ins Dorf. Sie wurden ausgegrenzt, doch sie grenzten sich auch selbst aus. Auch das ist Teil der manchmal unbequemen Wahrheit. So fiel ein erster Schatten der Realität auf meine kindliche Idee von Europa.

Nach der Wende ist der Großteil der Siebenbürger nach Deutschland gezogen. Jeden Sommer aber kamen sie zurück. Ich erinnere mich, wie ich meinen Opa fragte: „Wer ist denn diese Frau oder jener Mann dort?“ Und er antwortete: „Sie ist deine Tante Ute, oder dein Onkel Will, oder Kurt, mein Freund aus der Kinderzeit.“

Dunersdorf hat mir gezeigt, was Werte wie Einheit, Bereitschaft zur Mobilität und Freundschaft sind. Dort war ich mein erstes Mal in einer evangelischen Kirche. Ich war beeindruckt, wie schön es ist, wenn die Menschen zusammen singen und wie feierlich die Messe gestaltet war. Pfarrer war ein Priester aus Deutschland, der jeden Mittwoch Spiele und andere Aktivitäten wie die Kinderbibelstunde veranstaltete. Die Religion ist in meinem Fall ein weiterer Beleg für meine vielfältige europäische Identität. Ich bin orthodox getauft, aber evangelisch konfirmiert worden.

Ich lernte in Bukarest in einer der renommierten Schulen des Landes, dem deutschen Goethe-Kolleg. Diese Schule war nicht nur gewissermaßen das Haus der deutschen Minderheit, sondern wollte auch denjenigen, die Interesse für die deutsche Kultur hatten, die Sprache näher beibringen. Deutsch und Rumänisch waren dort als gleichberechtigte Muttersprachen angesehen. Weitere Sprachen wie Französisch, Englisch und Spanisch komplettierten die europäische Ausbildung in meiner Schule. Die Schule bot uns von Beginn an eine multikulturelle und multisprachliche Perspektive.

Neben der Schule habe ich mit Italien meine europäische Identität um einen Aspekt erweitert. Mit meinen Eltern habe ich Rom, Mailand, die Toskana und Florenz, den Comer See, Sizilien, Sardinien und die Amalfiküste besucht. Jeder dieser Orte hat seine einzig(artig)e, reichhaltige Geschichte. Die Menschen dort scheint aber trotz ihrer Vielfalt in Traditionen und Dialekt ein gemeinsames Band zu verbinden, das Band der Herzlichkeit und Offenheit. In Rom haben wir einmal bei einem Familienfreund namens Leonardo übernachtet. Er wusste so viele interessante Geschichten über Italien zu erzählen. Und auch mich, den er nie zuvor gesehen hatte, empfing er so warmherzig wie einen alten Freund. Oder die Signora Renda, unsere Vermieterin in der Toskana, die immer Italienisch mit uns sprach, weil sie uns für Italiener hielt. Europa, das schenkt Dir auch Geborgenheit in der Fremde.

Die Identität, die Einheit… sie sind keine Ideale…es sind Werte, die Teil eines jeden Menschen sind. Sie sind die Hoffnung, dass die Menschheit sich weiterentwickeln wird. Sie sind die Hoffnung auf Gleichheit, auf ein besseres Leben…es sind die Hoffnungen für die EU. Auch ich bin meinen europäischen Weg konsequent weitergegangen. Nach meinem Abitur habe ich ein Universitätsstudium in Wien begonnen. Diese Hoffnung, die Europa ausmacht, wird auch in den neuen Werken von Alessandro Chiodo vermittelt. Ich habe gerade ein Bild vor Augen, auf dem leuchtend blaue Sterne auf einem schwarz-grau-sepiafarbenen Hintergrund platziert sind. Die blaue Farbe steht für mich für strahlenden Intellekt und Ruhe, wobei der schwarz-weiße Kontrast für Neutralität und Objektivität, ja vielleicht auch die nüchterne Realität zu stehen scheint. Die Sterne symbolisieren die Mitglieder der europäischen Staatenfamilie, die im Rahmen des Bildes als eine Einheit dargestellt werden. Die Einheit… Menschen wie Elemente, die zusammen gehören…Elemente, die ohne einander nicht denselben Wert haben, nicht zu fassen sind. Rechts im Bild verschmelzen ein blauer Stern und ein dunkler Schweif zu einer Sternschnuppe. Manche Menschen wünschen sich etwas, wenn sie eine Sternschnuppe sehen, es ist ihr Zeichen der Hoffnung.

Manchmal denke ich an diesen Tagen, dass wir Europäer uns wie kleine Kinder dieses Glücks besinnen und Europa wieder als Hoffnung ansehen sollten. Im Werk des großen rumänischen Dichters Mihai Eminescu stehen Sterne für die Nacht, ein Hintergrund, der den Menschen Liebe ermöglicht oder diese fördert. Meine Hoffnung ist, dass sich Menschen wieder mehr gegenseitig lieben, damit stärkere Bindungen zwischen ihnen wachsen. Diese Hoffnung erhalte ich von den Menschen, die ich in meinem Leben getroffen habe: vom Zusammenleben der Minderheiten, von meinem Opa, aus meiner Kindheit. Und von mir selbst. 

 

 

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